Justus

Am 18. August 2016 sind Lucia, Margareta und ich nach einer 18 stündigen Reise in Guadalajara, Mexiko angekommen. In dieser Stadt, die nach der Hauptstadt die zweitgrößte des Landes ist, verbringen wir 12 Monate. Während dieser Zeit werde ich in der „Ciudad de los Niños“ wohnen und arbeiten.

Auf diesem Blog möchte ich über meine Erlebnisse berichten und freue mich über jeden Mitleser!

31.05.2017 Guadalajara, Mexiko: 5. Blogeintrag

Während mein Jahr in Mexiko schon bald zu Ende sein wird, hat die Hitze in Guadalajara in diesen Wochen ihren Höhepunkt erreicht. Die rettende Regenzeit lässt noch auf sich warten, was zu einer traurigen Trockenheit und mehreren Waldbränden im Umland Guadalajaras geführt hat. Trotz der wahnsinnigen Wärme, die hier bis zu 36° Celsius erreichen kann, läuft der Großteil der Männer mit langen Hosen herum. So gehört sich das, völlig selbstverständlich für viele Mexikaner. Ausnahmen gelten nur beim Sport, im Urlaub, oder beim Baden. Mit meiner Arbeit im Sportunterricht habe ich deshalb einerseits Glück, denn ich kann die unerträglichsten Stunden in angenehmen Sportklamotten verbringen. Die Kehrseite der Medaille ist jedoch, dass der Sportplatz der CN sich in den Mittagsstunden in eine Sauna ohne rettenden Schatten in Sichtweite verwandelt. Die Arbeit mit den Kindern kann einen deshalb in diesem Monat manchmal ans Limit bringen.

So, nun aber genug Selbstmitleid, jetzt geht es wieder um anderes. Zunächst widme ich mich einem aktuellen Thema, nämlich dem Journalismus in Mexiko. Daraufhin möchte ich ein paar der schönsten Anekdoten aus der spannenden Geschichte Mexikos wiedergeben, und zu guter Letzt mit einem Erfahrungsbericht vom populären „Lucha Libre“, dem mexikanischen Wrestling, abschließen.

Am 15.05.2017 gegen 12 Uhr mittags wurde der mexikanische Journalist Javier Valdez in Culiacan, Sinaloa auf offener Straße aus seinem Auto gezogen und mit mehreren Schüssen hingerichtet. Die Tat fand vor dem Bürokomplex des Nachrichtenmagazines „Ríodoce“, für das er arbeitete, statt. Neben der Arbeit für die Zeitschrift, hat Valdez fünf Bücher über den Drogenkrieg in seinem Heimatland geschrieben, und war somit einer der mutigsten Schreiber sowie auch  der größte Chronist des Drogenkrieges in der mexikanischen Journalistenwelt. Er recherchierte viel über die Drogenkartelle und korrupte Politiker und interviewte oft Betroffene. Sein Einsatz für die Aufklärung von Verbrechen wurde international anerkannt und ausgezeichnet, gleichzeitig geriet er aber in das Visier der Drogenkartelle. Er wusste, dass er mit dem, was er schrieb, sich selbst in Schwierigkeiten brachte, und dennoch hielt ihm diese offensichtliche Gefahr nicht davon ab, seinen Job zu erledigen. Selbst ein Anschlag mit einer Splittergranate auf die Redaktion seiner Zeitung im Jahr 2009 ´hat ihn nicht eingeschüchtert. Noch vor fünf Monaten gab er einem deutschen Nachrichtenportal ein Interview, in dem er über die klägliche Situation des Journalismus in Mexiko spricht: Interview mit Javier Valdez

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Javier Valdez mit seinem Werk „Narcoperiodismo“

Valdez ist der sechste Reporter, der in Mexiko in diesem Jahr umgebracht worden ist. 2016 waren es 10 Journalisten, weshalb Mexiko auf Platz 149 (von 180) der Rangliste der Pressefreiheit weltweit landete. „Reporter ohne Grenzen“ nennt Mexiko das „gefährlichste Land für Medienschaffende außerhalb von Kriegsgebieten“. Die aktuelle Situation führe zur Selbstzensur der Reporter: Aus Angst um die eigene Sicherheit umgehen die meisten Zeitungen heikle Themen wie beispielsweise den Drogenkrieg. Schutzprogramme für Journalisten gibt es zwar, allerdings funktionieren diese nicht, wie der Fall Javier Valdez aufs Neue zeigt. In dem oben genannten Interview spricht er von Korruption und Spitzeln in den Redaktionen, die dazu führen, dass trotz aller Sicherheitsvorkehrungen, die Kartelle „entscheiden, wann sie dich töten“.

Laut Javier Valdez stehe der mexikanische Journalismus am Abgrund. Glücklicherweise sind die Zustände in Deutschland nicht zu vergleichen mit denen in Mexiko. Dennoch ist Deutschland im Ranking von 2016 im Vergleich zum Vorjahr um ganze vier Plätze nach unten gerutscht. In Deutschland gerieten demnach Medienschaffende ins Visier von Behörden und Nachrichtendiensten, aber vor allem werden die Anfeindungen beispielsweise seitens der Pegida-Bewegung als Grund genannt, Stichwort „Lügenpresse“. Die Zahl der Übergriffe auf Journalisten in Deutschland sei sprunghaft gestiegen, so die „Reporter ohne Grenzen“ in ihrem Jahresbericht von 2016, den ihr unter folgendem Link finden könnt: ROG Rangliste 2016 – Nahaufnahme Deutschland

Die Welt der (mexikanischen) Schriftsteller und Journalisten hat mit dem Tod von Javier Valdez einen schweren Verlust erlitten. Mexikos Präsident hat die Ermordung Valdez‘ umgehend verurteilt und die Aufklärung der Tat gefordert. Wer genau für den Tod verantwortlich ist, und was genau das Motiv der Mörder gewesen ist, ist unklar. So gut wie sicher ist allerdings, dass die Welt die Namen der Verantwortlichen niemals erfahren wird, geschweige denn, dass sie zur Verantwortung gezogen werden. Denn erschreckende 98% der Verbrechen in Mexiko bleiben unaufgeklärt.

Der Drogenkrieg, der in 10 Jahren mehr als 100.000 Menschenleben ausgelöscht hat und bis heute seine Opfer fordert, ist ein unglaublich trauriges Kapitel der mexikanischen Geschichte, die in den letzten Jahrhunderten viele Höhen und Tiefen gehabt hat. Auch wenn vielleicht einige von euch Geschichte mit Schule, Jahreszahlen und langweiligen Fakten verbinden, ist es für mich eine Herzensangelegenheit, und im Fall Mexiko ein wichtiger Schlüssel, um Land und Leute von heute zu verstehen: Wieso gibt es in den Zentren von Städten und Dörfern fast immer eine Straße, die „Miguel Hidalgo“ heißt? Woher kommt die tiefe Abneigung gegen das nördlich gelegene Nachbarland, die es schon vor der Geburt des amtierenden US-Präsidenten gegeben hat? Und waren es nun die Spanier, oder die Franzosen, die Mexiko jahrelang besetzt haben?

Anfangen wollen wir aber mit den Maya (Blütezeit 300 – 900 n. Chr.), die aufgrund ihrer hoch entwickelten Kultur und ihrer Kunstschätze das wahrscheinlich bekannteste indigene Volk Mittelamerikas sind, allerdings, wegen verheerender Dürren ihre Vormachtstellung nicht verteidigen konnten. Das zweite indigene Volk, das man auch in Deutschland mindestens vom Namen her kennt, waren die Azteken, die bis ins 16. Jahrhundert hinein die größte Macht in Zentralmexiko waren, indem sie andere indigene Völker unterdrückten.

Pyramiden der Maya in Yucatán und Chiapas.

Die Azteken glaubten an mehrere Götter mit unaussprechbaren Namen, wie Huitzilopochtli (Stammesgott der Azteken in Gestalt eines Kolibris) oder Quetzalcóatl (zentrales Fruchtbarkeits- und Lebenssymbol). Letzterer sollte laut einer im Azteken-Kalender niedergeschriebenen Prophezeiung im Jahre 1519 aus dem Osten kommend die Hauptstadt der Azteken „México-Tenochtitlan“ mit seiner Anwesenheit ehren. Tatsächlich bekamen die Azteken im vorausgesagten Jahr Besuch aus dem Osten. Allerdings sollte dieser Besuch kein Glück, sondern ihr Ende herbeiführen: Als erste Europäer erreichte eine spanische Expedition unter der Leitung von Hernán Cortés Mexiko. Weder die Spanier, noch die Azteken hielten sich gegenseitig für Menschen. Während die Europäer auf die vergleichsweise unterentwickelten „Wesen“ eher hinabblickten, floh die indigene Bevölkerung vor Ross und Reiter, die sie für ein furchterregendes Mischwesen hielten.

Moctezuma II. jedoch,  der damalige Herrscher der Azteken, sah in den Neuankömmlingen den lange versprochenen Gottesbesuch. Schließlich hätten ein Blitzeinschlag in einen Tempel, sowie ein Komet am Nachthimmel ausdrücklich darauf hingewiesen und alle Zweifel zerstreut. Natürlich lud er die Neuankömmlinge zu sich in die Hauptstadt ein. Obwohl die Spanier mehrere Monate die Gastfreundschaft der Azteken genossen, fühlten sie sich weniger als Gast, sondern eher wie in der Falle einer großen, fremden Stadt gefangen. Sie trauten der Freundlichkeit ihrer Gastgeber nicht und nahmen den Aztekenherrscher als Geisel. Daraufhin dämmerte es dem Volk der Azteken allmählich, dass sie nicht die Ehre der Anwesenheit einer ihrer Götter genossen. In der sogenannten Traurigen Nacht (Noche triste) am 30.Juni 1520 wurden die Spanier wieder aus dem Aztekenreich vertrieben.

Nur ein Jahr später kehrten sie allerdings zurück und besiegten zusammen mit einigen jahrelang unterdrückten einheimischen Völkern den gemeinsamen Feind. Die Stadt wurde zerstört, und auf ihren Trümmern die Hauptstadt von „Nueva España“ erbaut. Damit war das Ende der Ära der Azteken besiegelt, und zeitgleich begann die Kolonialzeit in Mexiko. Die indigene Bevölkerung wurde versklavt und ausgenutzt. Hinzu kam, dass Millionen von ihnen aufgrund von eingeschleppten Krankheiten ihr Leben verloren. Das neue Vizekönigreich Mexiko wurde im Norden bis nach Texas und Kalifornien ausgedehnt. Die Einheimischen lernten mehr oder weniger freiwillig die Spanische Sprache und wechselten zum katholischen Glauben.

Als der Franzose Napoléon Bonaparte 1808 auf die Idee kommt, seinen südlichen Nachbarn zu besetzen, sahen die Mexikaner die Chance, sich von den spanischen Besetzern abzulösen. Ein damals noch unbekannter Pfarrer namens Miguel Hidalgo aus einer kleinen Gemeinde in Zentralmexiko ruft zum Kampf um die Unabhängigkeit aus., und wird deshalb bis heute als Nationalheld gefeiert. Nach einem langjährigen Krieg war Mexiko eine selbstständige Republik. Ruhe wollte aber trotzdem nicht in das Land einkehren. Die Führung im Staat wurde mehr als 50-mal in diesem Jahrhundert gewechselt. Zudem verlor man im Mexikanisch-Amerikanischen Krieg Kalifornien, Arizona, Colorado, New Mexico und Texas an das seitdem verhasste Nachbarland.

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Im beschaulichen Dolores Hidalgo begann der mexikanische Unabhängigkeitskrieg.

Im Jahr 1862 marschierten dann auch noch französische Truppen in das Land ein. Auch wenn am 5. Mai eine Schlacht bei Puebla gewonnen werden konnte, marschierten die Besetzer 1863 in Mexiko-Stadt ein. Selbst die Mexikaner machen Witze darüber, dass jedes Jahr am 5. Mai an die gewonnene Schlacht im Rahmen eines nationalen Feiertages erinnert wird, obwohl gleich im Anschluss daran die Unabhängigkeit einmal mehr verloren ging. Die Franzosen riefen den Habsburger Maximilian als Kaiser von Mexiko aus, ließen jedoch ihre Truppen 1866 wieder abziehen. Der arme, allein gelassene Kaiser von Mexiko blieb – logischerweise – nicht mehr lange am Leben, geschweige denn im Amt.

Bis ins 20. Jahrhundert hinein konnte das wieder unabhängige Mexiko einen erfreulichen wirtschaftlichen Aufschwung verzeichnen, den sie ihrem Präsidenten Porfirio Díaz zu verdanken hatten. Allerdings wurden die wirtschaftlichen Erfolge der über 30 Jahre andauernden Amtszeit, dem sogenannten „Porfiriato“, vom Verbot jeglicher Opposition, Abschaffung der Wahl- und Pressefreiheit, und Unterdrückung der armen Bevölkerungsschicht überschattet.

Infolge der Diktatur von Díaz wird 1910 die Mexikanische Revolution ausgerufen, die zu einem blutigen Bürgerkrieg ausartet, den die Befürworter von Reformen gegen die Radikalen für sich entscheiden können. Am Ende der Gefechte erhält die Republik eine neue Verfassung, die bis heute noch weitestgehend gilt, und es wird die Institutionelle Partei der Revolution (PRI) gegründet, die Mexiko bis 2000 regierte. Nach 12 Jahren Abstinenz ist die PRI in Person von Peña Nieto seit 2012 nun wieder an der Macht.

Die Historie ihres Landes stimmt die Mexikaner stolz und traurig zugleich: die glorreiche Ära der Maya und Azteken, mitsamt all ihrer Errungenschaften in Kunst, Mathematik, Astrologie und Astronomie, die in nur wenigen Jahren aufgrund von einigen wenigen Ausländern zugrunde gegangen ist. Der gewonnene Unabhängigkeitskrieg, der jedes Jahr am 16. September im ganzen Land außerordentlich gefeiert wird, führte das Land damals in eine Diktatur. Diese wurde nach ebenfalls jahrelangen Kämpfen gegen eine Einparteienherrschaft eingetauscht, die beinahe ein Jahrhundert lang dauerte. Die Geschichte Mexikos ist überall im Lande präsent. Nicht nur in Museen, sondern auch in Straßennamen, im Alltag, und in den Köpfen der Mexikanern. Der mexikanische Schriftsteller und Nobelpreisträger Octavio Paz befasste sich in seinem berühmtesten Werk „Das Labyrinth der Einsamkeit“ mit dem Wesen der Mexikaner, und begründete viele ihrer Eigenschaften mit der Geschichte Mexikos. Näheres dazu gibt es im nächsten Blogeintrag, wenn ich das Buch (hoffentlich) fertig gelesen habe.

Octavio Paz spricht in dem Buch auch über die Neigung der Mexikaner, sich zu verkleiden, beziehungsweise eine Maske überzuziehen. Dies tut man hier tatsächlich sehr gerne, wie am Día de los Muertos, oder beim „Lucha Libre“. Dies ist eine mexikanische Tradition, die noch heute jede Woche unzählige Schaulustige anlockt. Man könnte die Kampfsportart leicht mit dem berühmteren Wrestling vergleichen, das wäre allerdings ein fataler Fehler, was ich als Zuschauer selbst erleben durfte. Ein Erlebnisbericht:

An einem warmen Sonntagnachmittag zieht es mich, zusammen mit ein paar Freunden zur Arena Coliseo. Die beste Adresse für Lucha Libre in Guadalajara. Wrestling hatte mich nie interessiert, von Lucha Libre ganz zu schweigen. Den Tipp gab mir mein guter Freund Christian S. (Danke nochmal dafür, Chrissi!). Das Gebäude liegt ganz unscheinbar in der Nähe des historischen Zentrums der Stadt. Der Eintritt kostet uns als Studenten stattliche 4 Euro. Wir kommen ein wenig zu spät, treten gehetzt in die Katakomben der Arena ein, und hören schon bei der Taschenkontrolle, wie füllige, schwitzige Oberkörper auf den Boden klatschen. Sonst ist es außergewöhnlich still. Beim Betreten des Zuschauerraumes erklärt sich auch wieso. Es sind enttäuschend wenig Schaulustige gekommen. Die etwas altmodische Arena, die Platz für etwa zweitausend Zuschauer bieten könnte, wird von der untergehenden Sonne, die durch die wenigen Fenster hindurchblinzelt, in ein schummriges Licht getaucht. Der obere Rang ist komplett geschlossen und liegt von der Sonne allein gelassen im Dunklen. Nur die unteren Plätze, die direkt an den Kampfring grenzen, sind besetzt. Der Ring scheint sich – für mich als Laien – in keiner Weise von einem herkömmlichen Boxring zu unterscheiden. Der Kampf zwischen „Micro“ und „Guerrero De La Muerte“ ist bereits im vollem Gange. Auf diesen Kampf sollten aber noch vier weitere folgen, in denen sich die Anzahl der Kämpfer auf bis zu 6 steigern würde.

Wie genau die Regeln lauten, weiß ich nicht. Ich würde sogar behaupten, dass es kaum jemand weiß, bis vielleicht auf den Schiedsrichter im Ring, der mit seinen theatralischen Gesten selbst zum unterhaltsamen Schauspiel beiträgt. Die Regeln sind eigentlich sogar ziemlich egal. Es geht beim Lucha Libre zu 100 Prozent um die Unterhaltung der Gäste. Deshalb ist jeder Kampf exakt durchgeplant: Im Laufe des Abends steigert sich das Niveau der Kämpfer, die Spannung, und infolgedessen auch die Laune der Zuschauer. Die Schaulustigen sind allerdings selbst Teil des Sports. Denn das Besondere am mexikanischen Lucha Libre sind neben den lustigen Kostümen und den bunten Masken, die Zurufe und Beleidigungen des Publikums. Wenn ein Luchador einen (natürlich nicht echten) Schlag abbekommt und deshalb wie ein Tobias Werner vortäuscht, eine schwere Verletzung erlitten zu haben, schreit sogar eine Mutter zusammen mit ihrem zehnjährigen Sohn „Putoooo“ (Übersetzung will ich hierbei nicht liefern) unüberhörbar in die Arena. Sowieso, wenn man als Ausländer die ganze Bandbreite mexikanischer Beleidigungen (die in ganz Lateinamerika berüchtigt sind) erlernen möchte, dem empfehle ich guten Gewissens einen solchen Wettkampf.

Genau das ist auch aus meiner Sicht das Unterhaltsamste an diesem Sport, denn die übertriebene Theatralik der Kämpfer, deren Kostüme und der vorhersehbare Ausgang des Kampfes (Publikumslieblinge gewinnen immer) ist nur für Wenige der Grund des Besuches. Bei den Wettkämpfen – und das macht sie so beliebt – können die Mexikaner mal so richtig die Sau raus lassen. Nichtsdestotrotz sind die Luchadores, die auf den ersten Blick ziemlich lächerlich wirken, für viele Kinder große Vorbilder, und haben teilweise atemberaubende akrobatische Fähigkeiten. Alles in allem war es zwar ein unterhaltsamer Abend, der sich auch wirklich gelohnt hat, aber so schnell muss ich trotzdem nicht wieder in die Arena Coliseo von Guadalajara zurückkehren.

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In der Arena werden die Kämpfe zweimal wöchentlich ausgetragen. Der Grund für die an „meinem“ Abend nur geringe Zuschauerzahl war das zeitgleiche Stadtderby im Fußball, das Guadalajara tagelang in Atem gehalten hat. Die Chivas, von denen ich vor einigen Monaten berichtet hatte, haben sich wenig überraschend, aber dennoch knapp gegen den verhassten Konkurrenten Atlas durchsetzen können, und sind bis ins Finale der Meisterschaft gekommen. Dort mussten sie jedoch gegen den amtierenden Meister und großen Favoriten antreten. Am Sonntag war dann alles klar: Die Chivas gewannen das entscheidende Spiel mit 2:1 und sind nun nach über 10 Jahren wieder Mexikanischer Meister! Die Freude war außerordentlich groß, überall konnte man in der Stadt die Rot-Weiß gestreiften Trikots sehen. Die Feierlichkeiten gingen bis tief in die Nacht hinein. Ich war mit meiner Kamera an diesem Abend dabei, hier ein paar Impressionen:

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In meinem nächsten Blogeintrag möchte ich mich mehr den Mexikanern und ihrer Lebensweise beziehungsweise ihren Gewohnheiten widmen, wie zum Beispiel bei 36 Grad cool genug zu sein, um in langen Hosen herumzulaufen. Auch wenn ihr dieses Mal nach meinem Geschmack mit vielen Fotos verwöhnt worden seid, möchte ich nicht auf die traditionelle Bildergalerie am Ende meines Blogs verzichten. Ich bedanke mich ganz aufrichtig bei euch allen fürs Lesen des diesmal längeren Eintrages und wünsche euch einen wundervollen Start in den Sommer! Bis bald, euer Justus.

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16.03.2017 Guadalajara, Mexiko: 4. Blogeintrag

Willkommen zurück auf meinem Blog! Heute möchte ich euch erzählen, wie man mich in Mexiko als Deutschen wahrnimmt, und wie es in meinem Projekt, der Ciudad de los Niños läuft. Außerdem geht es auch um den Drogenkrieg in Mexiko.

Im letzten Blogeintrag hatte ich erwähnt, dass oft als erstes der Name Adolf Hitler fällt, wenn ich über meine Heimat Deutschland rede. Einige haben das beim Lesen vielleicht als Witz verstanden, aber es ist nun einmal so, dass viele Mexikaner nicht viel mehr über dieses kleine Land im Herzen Europas wissen, außer, dass es für zwei Weltkriege verantwortlich gewesen ist. Wenn ich auf einen fremden Mexikaner treffe, ergibt sich oft immer derselbe Gesprächsverlauf. Anhand von typischen Phrasen, die ich oft zu hören bekomme, und einigen Erklärungen von meinen Mitbewohnern habe ich nun ein gutes Bild davon, wie ich als Deutscher auf einen fremden Mexikaner wirke.

Bei diesem Thema möchte ich vorher noch die Gelegenheit nutzen und darauf hinweisen, dass alles, was ich in meinem Blog schreibe, auf meinen Beobachtungen und meinen Erfahrungen beruht, die ich hier in Mexiko bisher gemacht habe. Eine andere Person kann also hier in Mexiko möglicherweise zu dem selben Thema ganz andere Erfahrungen machen.

Zuallererst sind Güeros (Blonde Menschen) wie ich in Mexiko eine Seltenheit. In Städten zwar weniger als in kleinen Dörfern, aber auch in der Millionenmetropole Guadalajara merke ich, wie ich allein aufgrund meiner Haar- und Hautfarbe oft die Aufmerksamkeit von Passanten auf mich ziehe. Auch meine Körpergröße ist dabei mit von Bedeutung, da Mexikaner im Durchschnitt tatsächlich kleiner sind, was ich im Alltag oft zu spüren bekomme. Meine Füße ragen über die Bettkante hinaus, um mich zu duschen muss ich mich kleiner machen, damit mein Kopf auch Wasser abbekommt, und die Türspäher könnten zur täglichen Fitnessübung gezählt werden.

Wenn man erstmal die Neugier geweckt hat, dann ist es keine Seltenheit, dass man dann auch von den offenen und freundlichen Mexikanern angesprochen wird. Meistens zuerst auf Englisch, denn viele wollen mit einem Ausländer ihre eingerosteten Englisch-Kenntnisse aus der Schulzeit wieder trainieren. Ich biete daraufhin an, auf Spanisch weiterzureden, da man einerseits das berühmte „Spanglisch“ meistens nicht verstehen kann, andererseits weil ich mich an den heruntergeklappten Kinnladen erfreue, wenn mein Gegenüber bemerkt, dass ein Ausländer seine Sprache spricht.

Die meisten Gespräche gehen daraufhin in Richtung Unterschiede zwischen Mexiko und Deutschland. Dabei kommt dann oft zum Vorschein, wie man aus mexikanischer Sicht Deutschland sieht. Neben Hitler-Witzen, das gute deutsche Bier, und dem mexikanischen Fußballer Chicharito, der in Leverkusen spielt, hört man auch viele andere Dinge:

Der Großteil der mexikanischen Bevölkerung ist zwar stolz auf das eigene Vaterland, aber gleichzeitig auch sehr unzufrieden mit der aktuellen Situation, weshalb man neidisch auf andere Länder guckt, die vieles besser zu machen scheinen. Deutschland ist eines solcher Länder, das Vielen hier als Vorbild gilt. Im Internet habe ich schon mehrere mexikanische Videos gesehen, die anhand von Deutschland zeigen, was man in Mexiko verbessern könnte. Allerdings kommen darin manchmal auch Unwahrheiten drin vor, wie beispielsweise, dass es in Deutschland keinen einzigen Mc Donald’s gebe, weil Deutsche lieber Produkte und Firmen aus der eigenen Region bevorzugen würden. Eines dieser Videos könnt ihr unter dem folgenden Link finden (Das Video ist allerdings auf Spanisch): Mexiko und Deutschland im Vergleich – Aus mexikanischer Sichtweise

Bis jetzt war es immer so, dass wenn ich gesagt habe, dass ich Deutscher sei, immer sehr freundlich behandelt worden bin. So habe ich schon viele Einladungen zum Essen oder Reisen und Übernachten in anderen Städten bekommen:“Mi casa es tu casa“ (Mein Haus ist dein Haus), quasi das Synonym von mexikanischer Gastfreundlichkeit, habe ich schon oft gehört, selbst von Personen, die ich erst 5 Minuten vorher kennen gelernt habe. Als US-Amerikaner ist man in Mexiko nicht ganz so willkommen, wie als Europäer, vor allem seit diesem Jahr nicht mehr. Oft ist es mir schon vorgekommen, dass man mich als Gringo gehalten hat, weshalb ich böse Blicke oder einmal sogar Beleidigungen hinnehmen musste. Sobald ich dann sage, dass ich aus Deutschland komme, bin ich schon wieder ein willkommener Amigo.

Mit dem Scherz „Saca los Euros“ (Hol die Euro-Scheine raus), der mit lautem Gelächter der Mexikaner begleitet wird, sprechen die Mexikaner den Reichtum der Deutschen an: 1 Euro ist so viel wert, wie 20 mexikanische Pesos. Der Mindestlohn in Mexiko beträgt seit dem 1. Januar dieses Jahres 80 Pesos, also 4 Euro. Allerdings nicht 4 Euro pro Stunde, sondern 4 Euro pro Arbeitstag (8 Stunden). Ich habe meine Mitbewohner einmal ganz naiv gefragt, ob es hier so etwas wie ein Arbeitslosengeld gibt. Ich wurde ausgelacht. Sie wussten zwar, dass es das in anderen Ländern gibt, aber sie rechnen eher damit, dass Donald Trump sich mit dem mexikanischen Volk anfreundet, als dass man in Mexiko Geld vom Staat erhält, wenn man ohne Arbeit ist.

Sozialhilfen vom Staat, so wie wir sie in Deutschland kennen, gibt es in Mexiko einfach nicht. Weder Arbeitslosengeld, noch Kindergeld. Man kann sich also kaum vorstellen, wie es ist, wenn man als mexikanische Mutter mit mehreren Kindern vom Partner im Stich gelassen wird. Sei es durch Alkoholismus, der zu Gewalt gegen Mutter und Kinder führt, oder sei es einfach nur, weil der Ehemann abhaut. Die Mutter muss die Kinder ernähren, erziehen, den Haushalt machen, und gleichzeitig noch Geld verdienen um überhaupt ernähren zu können und ein Zuhause besitzen zu können. Ohne Hilfe ist das unmöglich. Zum Glück gibt es viele soziale Einrichtungen in Mexiko, die Müttern, aber auch Vätern, die vom Partner im Stich gelassen worden sind, Hilfe anbieten. Eine dieser Organisationen ist die Ciudad de los Niños, in der ich arbeite. An die CN können sich Eltern mit Kindern wenden, die es nicht einfach nicht mehr schaffen, für die Kinder zu sorgen. Jeder Junge in der CN hat seine eigene Geschichte. Ich habe bereits in meinem 2. Blogeintrag eine typische Geschichte zusammengefasst, wie es einigen Kindern ergangen ist. Diesmal möchte ich auf eine spezielle Geschichte eingehen. Nicht, weil genau diese Geschichte besonderer ist als die Geschichten der anderen Jungs, sondern weil ich nicht immer verallgemeinern möchte.

Der 10 Jahre alte Arturo, der aufgrund seiner kleinen, zarten Statur Arturito genannt wird, ist seit drei Jahren in der CN. Für seine 1,10m hat er eine große Klappe, die er nicht scheut aufzumachen, wenn ihm ein anderer Junge mal auf die Nerven geht. Bei den Lehrern und Erziehern ist er beliebt, weil er sehr niedlich ist und trotz seiner Körpergröße durch die Gegend spaziert , so als wäre er ein großer König , der gerade stolz von einer gewonnen Schlacht nach Haus zurückkehrt, mit der Stupsnase in die Höhe gestreckt. Außerdem ist er sehr kontaktfreudig und umarmt einen unglaublich gerne. Heute würde niemand den Kleinen so einfach im Stich lassen, doch vor 10 Jahren sah das alles ganz anders aus:

Sein Vater war schon weg, bevor er überhaupt auf der Welt gewesen war, und seine Mutter wollte ihn nicht. Das ist keine Seltenheit in Mexiko, dass die Kinder ungewollt sind, und das dann leider auch oft zu spüren bekommen. Im Fall von Arturito hat die Mutter ihn direkt nach seiner Geburt an seine Tante abgegeben. Die Tante kümmerte sich um ihn. Doch nach dem Kindergarten konnte auch sie sich aus Geldgründen auch nicht mehr um den mittlerweile 6 Jahre alten Jungen kümmern und bat die CN um Hilfe. Seitdem fühlt Arturito sich hier pudelwohl. Aber wie bei allen Kindern dieser Welt wirkt sich das Erlebte auch auf ihr Verhalten aus. Arturito wurde nur selten Zuneigung gezeigt, geschweige denn Liebe. Liebe, die man von den eigenen Eltern erfährt. Aus diesem Grund sucht der Junge nun oft Zuneigung und Kontakt in Form von Umarmungen, kann aber auch sehr schnell in Streitigkeiten geraten. In der CN ist er wie gesagt sehr beliebt bei Lehrern, Erziehern, und seinen Freunden. Seine Mutter hat sich vor knapp 2 Jahren gemeldet, und will sich seitdem wieder um ihren Sohn kümmern. Allerdings fällt ihm es sehr schwer, eine Beziehung zu ihr aufzubauen, was man selbst als Außenstehender mitbekommt, wenn sie ihn besuchen kommt.

Aus Gründen der Privatsphäre möchte ich weder den echten Namen nennen, noch ein Foto des Jungen zeigen. Dennoch hoffe ich, dass die Geschichte euch zeigt, wieso die CN ins Leben gerufen wurde, und was das Projekt zu einem besonderen Projekt macht.

Mexiko ist ein wunderschönes und einzigartiges Land: Leckers Essen, atemberaubende Landschaften, warmherzige Menschen, spannende Vergangenheit, pulsierende Städte, eine vielfältige Kultur, und, und, und. All diese Attribute ziehen einen in nur kurzer Zeit in seinen Bann und lassen einen nicht mehr los. Doch mit diesem Blog möchte ich nicht nur wie ein Reiseführer auf die schönen Seiten das Landes aufmerksam machen, sondern auch für andere Themen sensibilisieren. Eines davon ist das Problem der fehlenden Unterstützung seitens des Staates beispielsweise für Eltern und deren Kinder. Ein anderes Problem, das sogar in Deutschland bekannt ist, ist der „Narcotráfico“ – der Drogenkrieg.

Es sind leider oft Schlagzeilen wie diese von heute (16.03.2017), die es von Mexiko bis nach Deutschland schaffen: Massengrab mit 250 Leichen in Mexiko entdeckt

Wie es im Video wiedergegeben wird, werden in Mexiko fast 30.000 Menschen vermisst. Die Aufklärungsrate von Verbrechen in Mexiko liegt bei 2%. Also 98 von 100 Verbrechern kommen ungeschoren davon! Das Problem ist auf das Versagen der Behörden zurückzuführen. Man sagt, in Mexiko gebe es kein funktionierendes Rechtssystem. Das fängt mit der Korruption an: Ein Polizist verdient nicht viel mehr als den Mindestlohn (zur Erinnerung: 4 Euro pro Tag). Da ist es ein Leichtes, ihm ein Taschengeld zu geben, damit er sich und seine Familie über die Runden bringen kann. Im Gegenzug drückt der Vertreter des Gesetzes ein Auge zu. So einfach kann das sein.

Die Regierung hat schon lange die Kontrolle über das eigene Land verloren. 2006 hat der damalige Präsident Felipe Calderón den Kartellen den Krieg erklärt. Dieser Dorgenkrieg hat bis zum Ende seiner Amtszeit 121.923 Menschenleben gefordert. Gebracht hat es nur wenig. Von Dezember 2012 bis Dezember 2015 wurden laut Zahlen des mexikanischen Statistikamtes 63.598 Menschen ermordet, die Drogen werden weiterhin bis in die USA geschmuggelt, und die Drogenbosse haben mittlerweile neue Geschäftsfelder er-/gefunden: Menschenschmuggel, Waffenschmuggel, Entführungen, Schutzgelderpressung, und neuerdings auch Schmuggel von Erdöl und Erdgas. Am meisten Aufmerksamkeit bekommen aber Fälle wie die Entführung und Ermordung von 43 Studenten aus Ayotzinapa. Speziell dieser Fall sorgte für sehr viel Aufruhr und Protesten im Land, da der Staat, anstatt sich um die Aufklärung zu kümmern, selber in die Verbrechen verwickelt zu sein scheint. Erst letzten Monat erschien dazu ein Artikel, der ein erschreckendes Fazit zu den Ermittlungsversuchen des Falles der 43 Studenten zieht. „Das Bataillon und der Drogenbaron“

Eine Besserung der Zustände ist leider nicht in Sicht. Die meisten der mexikanischen Bürger scheinen zu resignieren, da sie das Gefühl haben, eh nichts bewirken zu können. In einigen Staaten haben sich Bürgerwehren gebildet, die sich gezwungen fühlen, selbst für ihre Sicherheit zu sorgen, da es der Staat nicht kann. Ich persönlich bekomme bis auf die Schlagzeilen und Erzählungen von Freunden kaum etwas vom Narcotráfico mit. Das liegt daran, dass Außenstehende, und erst recht Ausländer im Normalfall nichts zu befürchten haben. Außerdem lebe ich in Zapopan, einem Teil Guadalajaras, der eher von reicheren Bürgern bewohnt ist und als sehr sicher gilt.

Bevor ich mich von euch – natürlich traditionsgemäß – mit einer Bildergalerie verabschiede, möchte ich noch an ein paar Punkte aus meinem letzten Blogeintrag anknüpfen, zu denen es noch Fragen gab:

Die aktuelle politische Lage im Bezug auf den „Gasolinazo“ hat sich nun im dritten Monat des Jahres wieder weitestgehend beruhigt, auch wenn man sich sicher sein kann, dass das nicht allzu lange so bleiben wird. Donald Trump und die mexikanischen Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr werden in den nächsten Monaten sicherlich noch für Aufregung sorgen. Auf diese Themen werde ich bei Gelegenheit wieder zurückkommen. Nachdem ich über das Essen berichtet hatte, kam die Frage nach typischen Getränken Mexikos auf:

Allen voran ist natürlich der Tequila zu nennen, der aus der aus der Frucht Agave gewonnen wird. Tequila gibt es hier, anders als in Deutschland, in allen erdenklichen Größen, Farben, Sorten, Geschmäckern, und, und, und. Auf das Getränk, das auf keiner Fiesta fehlen darf, sind die Mexikaner mächtig stolz.

Aber auch neben dem Tequila gibt es viele typisch mexikanische Getränke. Wie auch beim Essen, gibt es viele Bebidas die nur in bestimmten Bundesstaaten beliebt sind und nur dort verkauft werden. Hier in Jalisco ist es der „Tejuino„. Zu diesem Maisgetränk wird noch eine oder zwei Kugeln Limoneneis hinzugefügt, und zack, fertig. Sehr lecker. Noch leckerer ist aber „Pozol“ aus dem Süden Mexikos. Pozol ist ein Kakaogetränk, das aber auch zerkleinerte Haferflocken und Mais beinhaltet, weshalb am Ende immer noch eine Masse übrig bleibt, die man dann essen kann.

Zuguterletzt sind die „Aguas Frescas“ zu erwähnen, die an jeder Straßenecke überall in Mexiko zum Verkauf stehen. Es gibt sie in vielen verschiedenen Sorten von Ananas bis Zitrone. Egal, welchen Geschmack sie haben, sie sind immer süß und erfrischend.

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Beim nächsten Mal gibt es wieder mehr Bilder und weniger Text. Außerdem wird etwas für die Geschichte-Freaks dabei sein. Schließlich wird in deutschen Schulen nichts über die mexikanische Geschichte gelehrt, obwohl diese äußerst spannend ist: Von den Mayas über die Spanische Kolonialzeit bis zur Revolution. Ich bedanke mich hiermit ganz brav für das fleißige Lesen, wünsche euch einen schönen Frühlingsbeginn, und verabschiede mich wie immer mit Neuigkeiten aus meinem privaten Leben in Form einer Bildergalerie.

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16.01.2017 Guadalajara, Mexiko: 3. Blogeintrag

Vor genau 2 Monaten habe ich meinen letzten Blogeintrag verfasst. Seitdem ist unglaublich viel passiert. In Mexiko, aber auch in meinem Leben. Weihnachten, Silvester und die ersten großen Ferien. Einige von euch haben Wünsche geäußert, über welche Themen sie gerne mehr wissen würden. Darauf habe ich gehört, und deshalb werde ich dieses Mal etwas mehr über das Land Mexiko erzählen, die Probleme, mit denen man hier im Moment zu kämpfen hat, aber auch von den schöneren Seiten wie das Essen oder den Fußball. Zum Abschluss möchte ich euch in Form einer Bildergalerie über Neuigkeiten in meinem Leben informieren. Das ist schließlich mittlerweile schon fast Tradition.

2017 hat hier in Mexiko schon sehr turbulent begonnen. Das Land, das ohnehin schon mit vielen innenpolitischen Problemen zu kämpfen hat, wird seit Beginn des Jahres von vielen Unruhen erschüttert. Grund dafür sind die Benzinpreise, die Anfang Januar um ganze 20 Prozent erhöht worden waren. Infolgedessen wurden Strom, Gas und Nahverkehr für die mexikanische Bevölkerung ebenfalls teurer. Diese Regierungsmaßnahme, die hierzulande „Gasolinazo“ genannt wird, führte dazu, dass tausende Menschen in fast allen Bundesstaaten auf die Straße gingen. Leider blieben dabei viele Proteste nicht friedlich. Es gab tausende Festnahmen, und auch schon Tote und Verletzte.

Die Wut der Demonstranten hat mehrere Gründe:

  1. Gehört Mexiko zu den weltweit größten Produzenten von Erdöl. Aber anstatt aus dem Öl selbst Benzin zu gewinnen, verkauft die Regierung es ins Ausland und kauft es als Benzin wieder zurück. Seitdem die Erdölpreise so niedrig sind, macht man dadurch einen Riesenverlust, für den nun die Bevölkerung bezahlen muss, nachdem jahrelang die Benzinpreise noch künstlich niedrig gehalten worden waren.
  2. Die Politiker, allen voran der Präsident Enrique Peña Nieto, haben in weiten Teilen der Bevölkerung kein gutes Ansehen (Wenn die Rede vom Präsidenten ist, fällt meinen Mitbewohnern jedes Mal ein neues Schimpfwort zu ihm ein). Vor allem wird ihnen Korruption und Geldverschwendung vorgeworfen. Beispielsweise soll das neue Präsidentenflugzeug teurer als die „Air Force One“ gewesen sein.
  3. In Mexiko sind Millionen von Menschen von Armut betroffen. Die Erhöhung der Benzinpreise ist für viele von ihnen schlicht lebensbedrohlich.

Doch der „Gasolinazo“ ist leider im Moment nicht das einzige Problem im Land. Die Angst vor dem Amtsantritt des neugewählten Präsidenten im großen Nachbarland und dessen noch ungewissen Folgen für Mexiko ist groß. Schließlich ist Mexikos Wirtschaft extrem abhängig von den USA. Die Mehrheit der Exporte Mexikos werden von dem Land abgenommen, in dem viele Mexikaner, aber auch Bewohner Zentral- und Südamerikas gerne leben würden. Die Letztgenannten müssen logischerweiser durch Mexiko, um in die USA als sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge zu gelangen.

Alle, die es nicht über die Grenze schaffen, bleiben in Mexiko hängen. Viele wollen es noch vor dem Amtsantritt am 20.Januar über die Grenze schaffen. Dort sind die Flüchtlingslager schon jetzt überfüllt. Im Süden Mexikos, an der Grenze zu Guatemala den wir über Weihnachten bereist hatten, wurden unsere Busse immer wieder von der Polizei nach illegalen Einwanderern durchsucht. Die Drohung, dass man bis zu 3 Millionen illegale Einwanderer abschieben würde, macht der mexikanische Bevölkerung nur noch mehr Sorgen im noch so jungen Jahr 2017.

Dieser kurze Bericht über die aktuelle Lage in Mexiko war nicht leicht zu schreiben, weshalb ich mir Hilfe von Personen geholt habe, die das beruflich machen. Die Quellen gehen nochmal genauer auf die Themen ein, die ich gerade ein wenig angeschnitten habe:  Video: „Angst vor Trumps Mauer“ und Artikel: „Proteste in Mexiko“ .

Nach dem, wie gesagt, etwas schwierigen Teil des Blogs, möchte ich mich anderen Themen widmen, über die man leichter schreiben kann. Die Rede ist von zwei Dingen, die nicht nur in meinem Leben wichtig sind, sondern auch in den Leben vieler Mexikaner eine wichtige Rolle spielen. Die mexikanische Küche, und der mexikanische Fußball.

Die mexikanische Küche ist unglaublich vielfältig (variiert von Bundesstaat zu Bundestaat) und vor allem: lecker. Das Essen allein wäre schon eine Reise nach Mexiko wert. Es sei denn du bist Vegetarier, denn da muss man schon eine Weile suchen, bis man in Mexiko einen „Comedor“ findet, der auch Speisen ohne Fleisch anbietet.  Manche Verkäufer sind sogar komplett verwirrt, wenn meine Mitfreiwillige Lucia (stolze Vegetarierin) sagt, dass sie kein Fleisch esse. Ein paar Speisen gibt es dann aber doch, die man guten Gewissens auch als Tierfreund essen kann. Beispielsweise:

Quesadillas

Quesadillas bestehen aus Tortillas, geschmolzenen Käse und wenn man will gibt es sie dann doch mit Fleisch. Tortillas sind flache, runde Brotfladen, die meistens aus Maismehl hergestellt werden. Chili darf wie bei fast jedem mexikanischen Gericht nicht fehlen. Bei Quesadillas in flüssiger Form. Quesadillas sind sehr simpel, schmecken aber gut.make-cheese-quesadillas-intro

Elote

Elote ist Mais, der meistens auf der Straße verkauft wird. Es gibt Elote entweder als ganzen Maiskolben zu kaufen, oder in einem Becher mit verschiedensten Zutaten gemischt, die von Ort zu Ort variieren. Nie fehlen darf allerdings Chilisoße, Mayonnaise, geriebener Käse und ein ein bisschen Zitronensaft. Beide Varianten schmecken wunderbar.img-20161205-wa0020

Tamales

Tamales ist ein aus einem Maisteiggemisch gefertigtes Gericht. Die Masse wird anschliessend mit Fleisch, Käse und anderen Zutaten gefüllt und in Maisblättern erhitzt. Die Masse ist nicht gerade schön anzusehen, aber super schmecken sie auf jeden Fall.

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Carnes en su jugo

Übersetzt: „Fleisch in seinem Saft“. Eine Spezialität aus dem Bundesstaat Jalisco, in dem wir wohnen. Eine Fleischsuppe. Schmeckt ganz in Ordnung. Auf dem Bild mit Tortillas und Limonen serviert, die nur selten beim Essen fehlen. Das Getränk heißt „Horchata„, ist ein Erfrischungsgetränk, das man an jeder Ecke im Land findet, und den Geschmack von Reis und Zimt haben soll. Danach schmecken tut es meiner Meinung nach zwar nicht, aber ist trotzdem mein Lieblingsgetränk hier.20161206_143127

Mole

Hähnchenkeulen, meistens mit Reis und/oder Frijoles serviert. Der springende Punkt ist allerdings die Soße. Mole besteht aus eher ungewöhnlichen Zutaten, unter anderem Schokolade. Hört sich interessant an, schmeckt auch so. Aber im positiven Sinne.las_molenderas_

Tacos

Der Klassiker der mexikanischen Küche. Tortilla mit Fleisch. Weitere Zutaten sucht man sich selbst aus: Chilisoße, Limonensaft, Guacamole, Zwiebeln, Petersilie, und so weiter. Das interessante sind die unterschiedlichen Fleischsorten, die zur Auswahl stehen. Von Auge bis Zunge und von Kuh bis Skorpion ist alles in Mexikos Tacos zu finden. Hängt allerdings davon ab, wo man die Tacos isst. Schmecken tut es aber immer fantastisch.

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Tortas Ahogadas

Mein absolutes Lieblingsgericht. Gibt es nur in Guadalajara. Ein mit Fleisch gefülltes Brot „ertrunken“ (ahogado) in einer Tomatensoße, sodass das Brot komplett matschig ist. Hinzu kommt natürlich ein bisschen Chilisoße und Limonensaft. Wie gesagt: Der absolute Bringer.img-20161212-wa0002

Nun kennt ihr ein paar Highlights der mexikanischen Küche, und wisst sogar, wie sie mir schmecken. Zuletzt will ich mich dem mexikanischen Fußball widmen. Ich weiß, dass es für viele harte Kost sein wird, aber ich möchte trotzdem davon berichten, einfach weil es mir persönlich am Herzen liegt, ich weiß, dass sich so einige Fußballfans unter euch befinden und Fußball eine Riesenrolle spielt in Mexiko.

Das erste, was einigen zu Mexikos Fußball einfallen wird, ist wahrscheinlich der Name „Chicharito„. Derselbe Name fällt auch als erstes, wenn ein Mexikaner hört, dass ich aus Deutschland komme. Oder zumindest als zweites, nach Adolf Hitler. Chicharito ist der berühmteste und beliebteste Fußballer in Mexiko und hat mehr Anhänger auf Twitter als Bayern München, Borussia Dortmund, und Schalke 04 zusammen. Chicharito kommt aus Guadalajara und spielte in der Jugend der „Chivas„.

In Guadalajara gibt es 2 Fußballvereine in der ersten Liga: „Atlas“ und die „Chivas“. So reich an unterschiedlichen Fußballklubs wie Deutschland ist Mexiko nicht. Deshalb spielen die meisten fußballbegeisterten in Sonntagsligen. Wenn ich von meinem Spiel mit den „Halcones“ nach Hause fahre, sieht man sonntagmorgens sehr viele Fußballplätze, wo der Amateurfußball gespielt wird.

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Mit Christian nach einem Spiel mit den Halcones

Die „Chivas Guadalajara“ und der Hauptstadtklub „Club América“ sind die zwei erfolgreichsten und beliebtesten Vereine Mexikos, und gleichzeitig die größten Rivalen im Land. Die „Chivas“ rühmen sich damit, dass sie keine „Extranjeros“ im Verein haben. Die Jugendmannschaften, sowie das Profiteam bestehen nur aus Spielern mit mexikanischen Pass. Ohne Ausnahme.

Auch wenn der gespielte Fußball nicht immer der ansehnlichste ist, die Fans können sich immer sehen lassen. 90 Minuten lang wird gehüpft und gesungen. Bei jedem Abstoß des gegnerischen Torwartes wird mit voller Inbrunst „Puto“ gerufen. Einfach nur so.

Das Ligasystem ist ein ganz anderes in Mexiko. Es gibt zwar auch 18 Mannschaften, allerdings wird nur einmal gegeneinander gespielt. In 17 Partien werden die besten 8 Mannschaften ermittelt, die dann im K.o.-System die beste Mannschaft Mexikos erspielen. So kann es, wie in der vergangenen Saison, passieren, dass der nach 17 Spieltagen mit Abstand beste Klub mit 3:0 im Viertelfinale verliert. Hart, aber spannend.

Im Jahr gibt es zwei Temporadas, also gibt es jährlich zwei mexikanische Meister. Im Dezember gewannen die „Tigres“ aus Monterrey nach Verlängerung und 2 Roten Karten auf beiden Seiten im Elfmeterschießen. Der Gegner aus der Hauptstadt konnte keinen einzigen seiner Elfmeter verwandeln. Der mexikanische Fußball ist schon ein bisschen verrückt, so viel habe ich nach 5 Monaten gelernt.

Heute bin ich auf eure Themenwünsche eingegangen, und würde dies auch liebend gerne beim nächsten Mal tun. Also schickt mir einfach ein paar Vorschläge. Oder falls ihr jetzt Hunger bekommen habt, gebe ich euch auch gerne genauere Rezepte zu den Speisen Mexikos. Ich wünsche euch allen weiterhin einen guten Start in das noch so junge Jahr, bedanke mich für euer Interesse, und verabschiede mich mit meiner Bildergalerie.

Ps.: Falls ihr jetzt noch im Januar wissen wollt, wie man Weihnachten in Mexiko feiert, empfehle ich euch sehr gerne die Blogeinträge von Magareta und Lucia. Die Beiden haben sich sehr ausführlich mit dem Thema beschäftigt.

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16.11.2016 Guadalajara, Mexiko: 2. Blogeintrag

Es ist bereits ein Viertel des Jahres hier vergangen, und da dachte ich mir, dass es doch Zeit sei mich an den nächsten Blogeintrag zu setzen. Deshalb: Willkommen zurück!

Ich habe viele Rückmeldungen bekommen, wofür ich mich, wie es sich gehört, bedanken möchte. Mir wurde gesagt, dass mein vorangegangener Eintrag fast nur positive Eindrücke enthalte. Das stimmt auch, und hatte 2 Gründe: Erstens wollte ich meinen vor der Reise leicht besorgten Eltern zeigen, dass es mir hier sehr gut geht, und zweitens gab es auch einfach nichts Negatives zu berichten. Im Rückblick hätte vieles mit weniger Glück auch schlechter laufen können, wie beispielsweise der Visumsantrag, mein Zusammenleben mit den Mitbewohnern und das Projekt an sich. Nichtsdestotrotz werde ich mir das Feedback zu Herzen nehmen und diesmal auch nicht so schöne Erlebnisse der vergangenen 2 Monate schildern.

Wie angekündigt möchte ich den Schwerpunkt nun auf die Ciudad de los Niños (kurz: CN), in der ich arbeite, legen. Im Anschluss würde ich das in den letzten Wochen Erlebte hier nochmal aufleben lassen.

Jeden Sonntag ab 16:30 trudeln die knapp über 100 Kinder der CN ein. Im besten Sinne des Wortes „trudeln“ sie ein, denn selbst beim Abendessen um 19 Uhr fehlt noch ein halbes Dutzend. Doch spätestens am nächsten Morgen sind alle da, schließlich ruft der Schulunterricht. Während die Dreizehn- bis Achtzehnjährigen mit dem Bus zu verschiedenen Schulen in Guadalajara gebracht werden, besuchen die Acht- bis Zwölfjährigen Jungs die Grundschule, die zur CN gehört. Dort zieht es mich, Gaby und Sofia (Gedächnisstütze: Meine Mitfreiwilligen) um 10 Uhr dann auch hin, die Arbeit ruft.

Jeden Tag gibt es etwas neues zu tun. Die Aufgaben sind so abwechslungsreich wie die dazugehörige Motivation. Von gefühlten 101 Schlüsseln, die wir an den allen Türen der Grundschule ausprobieren mussten, bis hin zum Masken verzieren mit den Kindern anlässlich des „Día de los Muertos“  (Wichtiger Feiertag in Mexiko Anfang November) ist alles dabei.

Für die hungrigen Jungs gibt es dann jeden Tag vor der Pause um 11:30 einen Imbiss. Bevor sie aber ihren Pausensnack erhalten, müssen sie sich in eine Schlange einordnen und brav warten, bis sie an der Reihe sind. Disziplin ist hier das A und O, denn die fehlt manchen Kindern, genauso wie Respekt und Verantwortung. Die Gründe dafür findet man, wenn man sich mit den Geschichten der Kinder beschäftigt.

Beispielsweise (!) haben manche gar keine Eltern mehr, weshalb sie bei ihren Tanten, Onkeln oder in einem Waisenhaus wohnen. Es gibt aber auch viele Jungs, die zusammen mit der Mutter und ihren Geschwistern vom Vater allein gelassen worden sind. Die Mutter kann sich also nicht um all ihre Kinder allein kümmern (über 5 Geschwister haben hier nicht wenige Jungs). Deshalb leben viele auf der Straße, manche haben schon arbeiten müssen, um Geld für die Familie zu verdienen. Auf Schule und eine ordentliche Erziehung mussten viele verzichten, aber vor allem die Kindheit, das was das Kindsein ausmacht, woran ich mich persönlich immer wieder gerne erinnere: Spielen mit Freunden, mit den Eltern Zeit verbringen und vor allem ohne Sorgen aufzuwachsen kam bei den meisten Jungs zu kurz. Deshalb wurde die Ciudad de los Niños ins Leben gerufen.

Die CN nimmt nicht nur das Kind über die Woche bei sich auf, es gibt auch einen Zahnarzt, einen echten Arzt, Ärzte für die Seele (Jesuiten), Psychologen, Lunchpakete für die Familien, und vor allem können die Kinder hier ohne echte Sorgen leben und natürlich auch spielen. Das oberste Ziel aber ist es, dass die Kinder dank einer Schulbildung die Universität besuchen können. Deshalb werden alle Kinder, die nicht mehr in die Grundschule gehen, nachmittags bei den Hausaufgaben betreut. Die Lehrer und Erzieher legen außerdem hohen Wert auf die Charaktereigenschaften der Jungs. Durch das Leben und das Erlebte sind die Charaktere der Kinder nicht immer die Einfachsten. Disziplin, Verantwortung und Respekt sind die Werte, die – wie bereits gesagt – oft fehlen, und auf die deshalb besonders geachtet wird. Während man bei den Ältesten den Erfolg der Erziehung bereits erkennen kann, ist es mit den Jüngeren jeden Tag eine mühsame Arbeit.

Da kann der angesprochene Pausensnack, eine vermeintlich einfache Aufgabe, zur Herausforderung werden. „Eine Schlange bilden, und dann nimmt sich jeder EINEN Apfel und EINEN Becher Milch“ lautet die Ansage. Das Ziel der Ansage: Disziplin. Während man dem ersten Kind einen Apfel in die Hand drückt, es aber erstmal 5 andere Äpfel begutachtet und überlegt welcher denn der leckerer sei, kann sich die Schlange braver Jungs in eine Horde Kinder ohne Aufsicht verwandeln, die mit Schimpfwörtern und Papierfliegern um sich wirft. Man braucht aus diesem Grund mindestens 3 Erwachsene, um dieses Horror-Szenario zu vermeiden.

Zum Abschluss des Schultages dürfen 4 Jungs, die vorher den Pausensnack von der Küche zur Grundschule getragen haben, die Toiletten putzen. Das Ziel: Verantwortung zu übernehmen. Für uns Freiwillige ist es mit Abstand die unbeliebteste Aufgabe, weil die Kinder selbstverständlich sich nicht gerade um den Job streiten. Jeden Tag muss man immer wieder die selbe Überzeugungsarbeit leisten und auch die Kinder davon abhalten, sich zu raufen (das passiert fast im 5-Minutentakt). Das kann manchmal unglaublich viele Nerven kosten. Zum Glück hat sich aber immerhin mein Spanisch mittlerweile stark verbessert, so dass das Motivieren nicht mehr so eine große Hürde ist. Irgendwie sind die Toiletten dann aber immer blitzeblank, weil die Kinder schließlich hungrig sind und pünktlich um 14 Uhr zum Mittagessen wollen.

Nach dem Essen und einer kurzen Verschnaufpause geht es jeden Montag dann zum Fußballturnier. Das Ziel des Turniers und sehr wichtig im Fußball: Respekt. Aber natürlich gibt es auch hier immer wieder Schwierigkeiten. Meine Hauptaufgabe ist es zusammen mit dem Sportlehrer die Kinder zum Spielen zu motivieren, aber man muss auch immer wieder kleinere und größere Streitigkeiten lösen. Bei den Jüngeren kommt es nicht selten zu Tränen, da der Kopf nach einem Kopfball wehtut, man nach einem Ausrutscher ausgelacht wird, oder von den Mitspielern beleidigt wird, weil man zu schlecht sei. Hängen bleibt im Endeffekt aber immer nur der Spaß, den die Kinder haben, und den man mit den Kindern hat.

So schnell wie der (Arbeits-) Tag mit dem Abendessen zu Ende geht, so schnell geht auch eine Woche in der Ciudad de los Niños zu Ende, und die Kinder trudeln jeden Sonntag ab 16:30 wieder ein. So richtig Alltag kehrt hier aber fast nie ein. Jede Woche gibt es ein Ereignis, das die Mitarbeiter für die Jungs organisiert haben.

Ein großes Event war es für die Ältesten (genannt: Grandes B), das Stadion der Chivas zu besuchen. Die Chivas sind der größte Fußballverein aus Guadalajara und gleichzeitig auch einer der beliebtesten in ganz Mexiko. Die CN wurde vom Verein ins Stadion eingeladen, wo die fußballverrückten Jungs nicht nur das Spiel, sondern auch die Kabine ihrer Vorbilder sehen durften. Als wäre das nicht schon genug, wurde ihnen auch noch die Ehre zuteil, im (noch nicht ganz gefülltem) Stadion die Nationalhymne auf dem Rasen zu singen. Auch wenn das Spiel vom Ergebnis und Unterhaltungswert her eher zum Vergessen war, werden die Jungs den Tag ganz sicher nicht vergessen.

Ein weiteres Highlight der vergangenen Wochen waren zwei Tage, die ich zusammen mit den Grandes B in Chantepec verbringen durfte. „Chante“ ist ein Ort, der eine Stunde von Guadalajara und direkt am größten See Mexikos „Chapala“ liegt. Die CN hat dort ein Ferienhaus, das zwar sehr mitgenommen und ungepflegt aussieht, aber ein Bolzplatz aus Beton und ein Pool mit grünem Wasser reicht den Jungs um, 2 Tage puren Spaß zu haben. Ich war am Abend so müde, dass mich die Skorpione, die sich im Haus befanden gar nicht störten. Am nächsten Tag gingen wir auf die Jagd und konnten zwei Exemplare fangen.

Allein eine Woche in der CN hat so unglaublich viele Ereignisse. Doch am Wochenende ist keine Zeit, um sich auszuruhen, schließlich gibt es eine Stadt und ein ganzes Land zu erkunden. In den vergangenen 2 Monaten durfte ich an den Wochenenden unglaublich viel unternehmen und erleben. Man könnte das zwar alles mit Worten beschreiben, aber Bilder reichen manchmal auch aus. Mit dieser Bildergalerie möchte ich mich verabschieden und gleichzeitig für das Lesen bedanken.

Wie auch beim letzten mal würde ich mich riesig über Rückmeldungen oder Fragen zur CN und sonstiges freuen.Im nächsten Blogeintrag möchte ich euch unter anderem das Essen, den Fußball, aber auch die Probleme in Mexiko näher bringen.

Bis dahin liebe Grüße und eine schöne Weihnachtszeit!

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10.09.2016 Guadalajara, Mexiko: 1. Blogeintrag

Unsere Ankunft in dieser Millionenstadt liegt tatsächlich schon über 3 Wochen zurück. Deshalb wird es mal Zeit, dass ich von meinen ersten Erfahrungen berichte:

Am Flughafen von Guadalajara sind wir von Armando mit drei kleinen Fähnchen Mexikos empfangen worden. Armando ist unser Mentor, der sich mit viel Engagement seit Jahren um das Wohlbefinden deutscher Freiwilliger in Guadalajara kümmert. Nach einer ersten Autofahrt durch die neue Heimat lag ich fix und fertig in meinem neuen Zimmer in der „Ciudad de los Niños“. Gleich am nächsten Morgen zeigten mir Sofia, Gaby und Jorge das Gelände des Projektes. Die drei sind ebenfalls 18 Jahre alt, kommen aus Mexiko und werden auch ein Jahr lang hier arbeiten. Wir wohnen alle zusammen in einem Haus und trotz der noch vorhandenen Sprachbarriere verstehen wir uns super.

Auch wenn ich in Deutschland einen intensiven Spanischkurs besucht hatte, ist es unheimlich schwierig, hier etwas zu verstehen. Es wird hier, verständlicherweise, sehr schnell geredet, oft genuschelt, und es gibt einige Vokabeln, die in Mexiko eine andere Bedeutung haben als in spanischen Spanisch, das ich gelernt habe. Beispielsweise bedeutet „Auto“ hier nicht „Coche“, sondern „Carro“.

Das Gelände der CN („Ciudad de los Niños“) ist viel größer, als ich es mir vorgestellt habe. Neben den Modulos (Wohnräume der Kinder), dem Speiseraum, und anderen Räumen, die für eine Schule notwendig sind, gibt es 4 (Vier!) Fußballplätze hier, was natürlich für Liebhaber des Spiels ein Paradies ist. Außerdem gibt es einen Garten mit Citrusbäumen und eine große Halle, die man gut und gerne mit einem Flohmarkt im Berliner Mauerpark verwechseln könnte. Man kann hier nämlich alte Möbel, Klamotten, Bücher, Fernseher etc. abgeben und kaufen. Die CN nimmt die Spenden dankbar an. Sofern die Schule die Spende nicht selbst verwenden kann, landet sie in ebendieser Lagerhalle und wird verkauft. So findet man hier alte Schreibmaschinen oder National Geographic Hefte aus dem Jahre 1977 (Titelthema: West-Deutschlands wirtschaftlicher Erfolg).

Mit dem ersten Schultag, kam auch mein erster „Arbeitstag„. Vormittags bin ich in der „Primaria“ (Grundschule) und helfe dort, wo ich gerade gebraucht werde, was sehr abwechslungsreich ist. Beispielsweise haben wir an Begrüßungsplakaten für die Kinder gebastelt:

Nachmittags geht aus dann zum Sport. Der Sportlehrer Hugo, den wir übrigens im „O“ von „Bienvenidos“ auf dem Plakat versteckt haben, ist ein sehr motivierter und motivierender Sportlehrer, was bei den Kindern immens wichtig ist, da die Lust auf Spielen mit Regeln nicht immer vorhanden ist. Außerdem organisiert er ein Turnier, das jeden Montag ansteht und über mehrere Monate eine Siegermannschaft sucht – natürlich im Fußball. Nach gut 4 Stunden Sport ist mein Tag dann beendet, und es geht über den Speiseraum in unser Haus, wo ich dann oft noch mit den 3 anderen Freiwilligen Spiele spiele.

Die Wochenenden nutze ich um die Stadt zu erkunden. Die CN liegt in Zapopan, ein Teil der Municipio Guadalajara. Von dort aus kommt man sehr gut mit dem Bus in das Zentrum der Stadt. Allerdings ist das hier gar nicht so einfach. Bushaltestellen, die als solche erkennbar sind, sind eine Rarität. Man muss sich rumfragen, um zu erfahren, wo und wann welche Buslinie hält. Selbst unser Projektleiter und langjähriger Bewohner der Stadt hat damit noch seine Probleme, wie wir bei einem gemeinsamen Ausflug herausfinden durften. Wenn man dann den richtigen Bus in Sichtweite hat muss man den Arm rausstrecken, damit sich die Chance auf den Einstieg in den Bus erhöht. Ich durfte nämlich bereits mehrmals erleben, wie der Bus trotzdem an einem vorbei gefahren ist.

Letztendlich wird man aber mit der wunderschönen Stadt belohnt. Guadalajara hat viele interessante Museen, Bauwerke, und vor allem kulturelle Events. Zwei Events, die ich jetzt schon miterleben durfte, möchte ich hier erwähnen. Einerseits eine Parade auf einer der Hauptstraßen der Stadt, bei der Tänzerinnen und Tänzer aus ganz Amerika zu sehen waren. Mit dabei: Kleine als Agave (Frucht, aus der der berühmte Tequila gewonnen wird) verkleidete Kinder.

Andererseits möchte ich vom Tanz der Tastoanes berichten. Ein Junge aus der CN hat uns Freiwilligen den Tipp gegeben, dass wir uns das anschauen müssten, da er selber auch dort tanze. Bei diesem Tanz haben die Protagonisten eine gruselige Maske auf und eine überdimensional große Perücke auf dem Kopf, weshalb wir unseren Bekannten anfangs leider nicht ausfindig machen konnten. Aber der Tanz und das Geschehen daneben war trotzdem sehr spannend. Die Tänzer haben nämlich auch ein Schwert in der Hand, mit dem sie auf den Boden schlagen, was mit dem Jubel der Zuschauer gemischt ein sehr beeindruckendes Geräusch ergibt. Sie müssen 5 Stunden durchtanzen, bei 27 Grad (seit meiner Ankunft ist es jeden Tag 27 Grad warm). Bei YouTube gibt es ein Video, dass den Tanz und die Verkleidung zeigt (https://www.youtube.com/watch?v=rbbm00NukW0). Ich selber konnte leider nur ein Bild von Kindern machen, die dem Schauspiel unbedingt zusehen wollten: img-20160910-wa0016-01

Neben diesen Highlights nutzen wir die freie Zeit, um das mexikanische Essen auszuprobieren, oder für Radtouren, die in Guadalajara nur sonntags empfohlen sind. Denn jeden Sonntag wird ein Großteil der Straßen für Autos abgesperrt. Sonst wäre es bei dem regen Verkehr ein Abenteuer, mit dem Rad durch die Straßen zu fahren:

Es ist hier mittlerweile 1 Uhr in der Nacht, weshalb ich zum Ende kommen möchte. In den nächsten Blogeinträgen würde ich gerne näher auf die CN eingehen, die Jungs, die sie besuchen,das Leben in der Stadt Guadalajara und Mexiko im Allgemeinen, das mexikanische Essen und sehr gerne auch auf Inhalte, die euch interessieren. Deshalb würde ich mich sehr über Fragen und Tipps freuen!

Vielen Dank noch einmal für euer Interesse, Bis bald!

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