Margareta

Blogeintrag 4

von den unermesslich schönen Momenten und der Dankbarkeit, die [die Eltern] verspüren für all die Dinge, die sie durch ihre behinderte Tochter lernen durften. Das erweiterte Blickfeld, das ihnen geschenkt wurde. Dass Menschwerden nicht geplant und Kinder nicht optimiert werden können. Dass Liebe an keine Bedingungen geknüpft und Glück nicht gleichbedeutend mit Gesundheit ist.“ (derstandard.at/2000051100278/Wie-sich-das-Leben-mit-einem-schwer-behinderten-Kind-anfuehlt)

IMG_2154

Über diese Sätze stolperte ich vor einigen Wochen in der Onlineausgabe der Zeitung derstandard. Sie stammen aus einer Rezension eines Buches, das aus dem Leben einer Familie mit einer behinderten Tochter berichtet. Ich bin mir ziemlich sicher, dass auch die Eltern und Angehörigen, die sich täglich morgens vor dem Schuleingangstor der Helen-Keller-Schule versammeln Dankbarkeit verspüren, und ein erweitertes Blickfeld geschenkt bekommen haben. Dass Liebe an keine Bedingungen geknüpft ist und Glück nicht gleichbedeutend mit Gesundheit ist, entspricht ganz dem Ethos der HK-Schule.

Seit mehr als einem halben Jahr darf ich nun den Schulalltag an der HK-Schule mitleben. Mittlerweile kenne ich die Stärken und Schwächen „meiner“ Kinder und sie kennen meine. Wir haben gelernt miteinander den Schulalltag zu meistern. Nun ist es an der Zeit ein bisschen von den Kindern, die mich durch mein freiwilliges soziales Jahr begleiten, zu erzählen.

Da gibt es etwa den siebenjährigen blinden Raul (Namen der Kinder geändert), der seine Mitmenschen wiederholt nach deren Geburtsdaten fragt (und sich die dann auch wirklich merkt!). Zur Schuljause verdrückt Raul gerne einmal eine Erwachsenenportion an Essen und hält sich dafür noch erstaunlich schlank. Ungefragt und gefragt drückt einem Raul gern mal einen Kuss auf die Stirn und beginnt dabei Augen und Augenbrauen abzutasten. Warum er das so gerne macht, ich weiß es nicht, vielleicht kann er sich so Vorstellungen von den Gesichtern der Menschen machen oder es fühlt sich einfach nur schön für ihn an. An seinen Mitschülern und Spielzeugen zeigt Raul meist kein sehr großes Interesse, umso mehr aber an Plauschen mit dem Schulpersonal.

Einer Mitschülerin, Ale, scheint das Desinteresse Rauls aber völlig egal zu sein, sie hat nämlich Raul zu ihrem besten Freund erkoren. Ale ist erst seit einigen Monaten an der Helen-Keller-Schule und hat sich sehr schnell einen Namen gemacht. Dazu brauchte es nicht einmal vieler Worte, denn sprechen tut die sechsjährige Ale kaum. Ale wurde mit dem Down-Syndrom geboren und besucht aufgrund ihrer Sehschwäche die HK-Schule. Mit wenigen Worten und starken Gesten kann einem die selbstbewusste Ale eindrucksvoll deutlich machen, was sie möchte bzw. nicht möchte und da kann es schon einmal vorkommen, dass sie wortlos das Klassenzimmer verlässt und nicht mehr so leicht wiederzufinden ist. Insbesondere beim einmal wöchentlich stattfindenden Musik- und Tanzunterricht muss ein besonderes Auge auf Ale geworfen werden. Denn dort scheint sie stets hin- und hergerissen zwischen Raul, den sie beim Tanzen gerne mal mit voller Liebe und vollem Einsatz umklammert und der Klassentüre, ihrer Pforte zur Freiheit, zu sein.

20170302_121417

Den Drang das Klassenzimmer zu verlassen verspürt auch Karla manchmal. Manchmal, das heißt immer dann, wenn es darum geht einen neuen Braille-Buchstaben zu lernen. Dann verabschiedet sich die blinde Sechsjährige gewieft mit der Begründung auf die Toilette gehen zu müssen. Ist die kleine Plaudertasche Karla dann wieder zurück von ihrem „Toilettenbesuch“, muss man aufpassen sich von ihr nicht in ein Gespräch verwickeln zu lassen, denn auch das könnte lediglich ein Ablenkungsmanöver sein, wenn auch ein sehr süßes. Tische, Stühle, Stifte, Dosen und jedwede Art von Unterrichtsmaterial und Spielzeug werden von Karla fast unentwegt zu Schlaginstrumenten umfunktioniert — nicht immer zu unserer Freude. Aber mitunter finden sich in Karlas vermeintlich unkoordiniertem „Herumgeklopfe“ Schlagrhythmen, die mich so manches Mal schon schwer beeindruckt haben.

Seit einigen Tagen lauscht auch Montse wieder den musikalischen Erstversuchen Karlas. Aufgrund einer Hirnoperation, die nicht ihre erste war, konnte Montse die letzten zwei, drei Monate nicht am Unterricht teilnehmen. In dieser Zeit ist der eigens für sie bereitstehende Rollstuhl im Klassenzimmer leergeblieben und wir hatten schon Zweifel, ob sie überhaupt je wieder die Schule besuchen wird können. Um so größer war die Freude als Montse letzte Woche wieder von ihrer Mutter ins Klassenzimmer hochgetragen wurde und es nicht lange gedauert hat, bis ihr wieder ein Lächeln über die Lippen kam. Auch die für Montse typischen Fragen nach den Farben der Gegenstände im Klassenzimmer ließen nicht lange auf sich warten.

20170201_104948

Noch so vieles mehr ließe sich von Montse, Karla, Ale, Raul und deren Klassen- und Schulkamaraden erzählen, die ihren Eltern, ihren Angehörigen, ihren Lehrern,… ein erweitertes Blickfeld schenken und mit ihrem Dasein Zeugnis ablegen, dass Liebe an keine Bedingungen geknüpft und Glück nicht gleichbedeutend mit Gesundheit ist. Vielleicht ja das nächste Mal.

 

 

Blogeintrag 3

Rund ein Drittel unserer Zeit hier in Mexiko ist bereits vorüber – Zeit ein kleines Resümee zu ziehen und von zwei festlichen Höhepunkten zu berichten.

Als ich mir vergangen Sommer meinen Rucksack umschnallte und mich als Jesuit Volunteer auf den Weg machte, wusste ich noch nicht was mich auf der anderen Seite des Atlantiks erwarten würde. Mexiko, das war für mich nicht viel mehr als das Land der Tacos und Fiestas, in dem viel Tequila getrunken wird und man sich vor Drogenbossen in Acht nehmen muss. Jetzt, nachdem ich nun seit etwa vier Monaten mexikanische Luft schnuppere, kann ich bestätigen: es werden tatsächlich viele Tacos gegessen, viele Fiestas gefeiert und der eine oder andere Tequila getrunken.  Dass dieses Land Mexiko allerdings noch viel mehr als das ist, konnte ich vor meiner Abreise nur erahnen. Seit meiner Ankunft in der zweitgrößten Stadt Mexikos, Guadalajara, durfte ich einen ersten Einblick in die Vielfalt Mexikos gewinnen. Bunt, laut, scharf, süß und lebendig ist das Mexiko, das ich kennengelernt habe. Hausfassaden und Kleidung in kräftigen Farben, Musik aus allen Ecken, Süßigkeiten an allen Enden und Chili zu jeder Mahl- und Tageszeit spiegeln eine Lebenslust wider, der selbst der Tod nicht viel anzuhaben scheint. So konnte ich etwa Anfang November ein Allerseelenfest der besonderen Art erleben. Am sogenannten „Tag der Toten“ (Dia de los muertos) erstrahlen hier die Friedhöfe in einem bunten Farbenmeer und Mariachimusiker ziehen von Grab zu Grab. Die Menschen versammeln sich mit Speis und Trank an den Grabstätten, um gemeinsam mit ihren Toten tanzend und singend zu feiern. Denn jene kehren einem alten Volksglauben nach einmal jährlich an diesem Tag aus dem Jenseits zurück. Zudem finden sich zu dieser Zeit farbenprächtige Totenaltäre in vielen Häusern, die mit Skelettfiguren dekoriert und Totenbrot (Hefegebäck) gedeckt werden. Bunte Totenköpfe aus fast jedem denkbaren Material, beispielsweise aus Ton, Zucker oder Papier, begegnen einem unweigerlich auf Schritt und Tritt.

Die Advents- und Weihnachtszeit ist, wie ich derzeit erfahren darf, nicht weniger laut und bunt. Unzählige rote Blumen, bei uns Weihnachtssterne genannt, und Weihnachtspiñatas zieren Häuser und Straßen und kündigen das nahende Weihnachtsfest an. Während mir der Weihnachtsstern, der seinen Ursprung hier in Mexiko findet, nicht völlig neu war, war ich umso überraschter beim ersten Anblick der traditionellen Weihnachtspiñata  – eine mit Süßigkeiten gefüllte Kugel aus Pappmaschee mit sieben abstehenden kegelförmigen Spitzen, die die sieben Todsünden symbolisieren. Diese werden bei Advents- und Weihnachtsfeiern (sogenannte Posadas) an ein Seil gehängt und von den Teilnehmern unter euphorischem Gesang mit verbundenen Augen mit einem Stock zerschlagen. Fallen dann die Süßigkeiten zu Boden, ist Schnelligkeit gefragt, denn alle, egal ob alt ob jung, ob groß ob klein, stürzen sich mit großem Einsatz auf den süßen Inhalt der Piñata.

Der Piñata geht bei einer klassischen Posada eine „Herbergssuche“ voraus. Die Feiernden singen in zwei Gruppen (eine Gruppe vor einer Tür und die andere hinter einer Tür stehend) abwechselnd Strophen eines Liedes, das die Herbergssuche von Josef und Maria nacherzählt.

In den vergangenen Tagen durfte ich drei Posadas miterleben – fast schon routiniert singe ich mittlerweile das Lied der Herbergssuche mit, schlage ich auf Piñatas ein und trinke ich das hier traditionelle Weihnachtsheißgetränk „Ponche“, das unserem Punsch ähnlich ist.

Vorfreudig blicke ich den Brauchtümern und Traditionen entgegen, denen ich insbesondere in den nächsten Tagen und Wochen (Heilig Abend, Silvester, Dreikönigstag – in Mexiko bringen vielerorts die Heiligen Drei Könige die Weihnachtsgeschenke) begegnen werde. Mal sehen was hier in diesem bunten, lauten, süßen, scharfen und lebendigen Land noch so auf mich wartet.

 

Anbei noch ein kleine „Playlist“ mit traditionellen mexikanischen Liedern, die mir mittlerweile sehr vertraut geworden sind:

 

Die mexikanische Nationalhymne, die etwa am mexikanischen Unabhängigkeitstag, am 16. September, (am 16. September 1810 begann der der mexikanische Unabhängigkeitskrieg gegen die spanischen Kolonialherren) angestimmt wird:

 

Lied zur mexikanischen Revolution „La Adelita“ (Adelita ist der Name einer mexikanischen Soldatin, die in der mexikanischen Revolution (1910 bis etwa 1935) im Einsatz war und sich zu einer Kultfigur entwickelt hat. Gefeiert wird die mexikanische Revolution am 21. November.):

 

„México lindo y querido“ – eine musikalische Liebeserklärung an Mexiko – wird ebenfalls am mexikanischen Revolutionstag gesungen und gespielt:

Weihnachtskinderlied „El burrito sabanero“ /“Der Esel von Betlehem“ (habe ich den vergangen Tagen gefühlt tausendfach gehört und gesungen und ist seitdem nicht mehr aus meinen Kopf zu bekommen):

 

„En el nombre del cielo“/“Im Namen des Himmels“ wird in der Advents- und Weihnachtszeit bei Posadas angestimmt und erzählt von der weihnachtlichen Herbergssuche:

 

Das Geburtstagslied schlechthin – „Las mañanitas“:

 

 

 

 

 

Blogeintrag 2

20160915_110329

Alltag

Kaum zu glauben, aber der erste Monat hier in Guadalajara liegt bereits hinter uns und so etwas wie Alltag – im besten Sinne des Wortes – ist eingekehrt. Die Menschen, die Arbeit in der Schule und die Umgebung sind uns vertraut geworden, wir fühlen uns (ein Stück weit mehr) angekommen.

Morgens 7:15 Uhr: der Wecker klingelt und läutet meinen (All)Tag in Mexiko ein . Das Frühstück steht für uns Heimbewohnerinnen bis 8 Uhr bereit: Bohnen mit Brot oder Tortillas (wahlweise mit scharfer Chilisalsa), Cornflakes, Bananen und ein Kaffee, der nicht ganz so recht nach Kaffee schmecken will, sollen uns für die ersten Stunden des Tages stärken. Morgens verzichte ich zumeist auf Bohnen und belasse es, meinen österreichischen Gewohnheiten entsprechend, bei Cornflakes und Bananen. In den Genuss von Bohnen kommt man im Verlauf des Tages früher oder später (eher früher) sowieso.

Nach dem Frühstück mache ich mich gemeinsam mit Lucia auf den Weg zur Schule. Inzwischen hat dieser Weg für uns an Abenteuerlichkeit verloren – Gott sei Dank. Routiniert  finden wir mittlerweile von unserem Wohnheim zur Helen-Keller Schule und bringen dabei meist auch eine kleine morgendliche Sporteinheit hinter uns. Etwa 15 Minuten gehen wir bis zu jener Straße, die unser Bus entlang fährt. Danach sind wir gut aufgewärmt, um unseren Bus hinterherzulaufen, denn Busstationen und Buspläne sucht man hier meist vergeblich. Die Busse halten an Kreuzungen auf ein optisches Signal der Wartenden hin (ausgestreckter Arm) oder eben auch nicht. Hat man einen Bus zum Anhalten gebracht, im besten Fall ohne vorausgegangenen Sprint bis zur nächsten Kreuzung, heißt es gut festhalten und eine allfällige Scheu vor körperlicher Nähe ablegen, denn der Bus gleicht um diese Uhrzeit einer Sardinendose. Nach einer etwa zwanzigminütigen Busfahrt, die sich wie eine Autodromfahrt anfühlt, haben wir es fast geschafft. Nur noch ein kurzer Fußmarsch trennt uns von unserem Ziel. Klappt alles halbwegs nach Plan, schaffen wir es pünktlich zu Unterrichtsbeginn, um 9 Uhr, in der Helen-Keller Schule anzukommen. Dort versammeln sich zunächst alle Lehrerinnen (mit Ausnahme des Musiklehrers sind an der Helen-Keller Schule alle Lehrer weiblich) und Schülerinnen und Schüler im Schulhof. Nach kurzen Bewegungs- und Koordinationsübungen geht es dann ab in die Klassenräume. Mit lautstarkem Gesang mexikanischer Kinderlieder eröffnen die niños (Kinder) meiner Klasse dort den Unterricht. Buchstaben, Zahlen, Symbole, Formen (Kreise, Dreiecke,…) etc. werden ausgemalt und/oder mit Körnern, Zucker, Papierkügelchen oder Sonstigem beklebt. Für jene Kinder, die nichts mehr oder kaum mehr sehen können, werden die Konturen – etwa von Zahlen – mit Heißkleber nachgezogen. Tanz-, Tast- und Hörübungen verschiedenster Art stehen ebenso am Programm eines fast jeden Schultages. Nach der Jause können sich die Kinder meiner und Lucias Klasse im Schulhof austoben und werden dann wieder in die Obhut ihrer Eltern übergeben.

Für Lucia und mich geht es danach weiter in einer Klasse mit etwa Sieben- bis Neunjährigen. Dort ist für die Kinder (und für uns) fast täglich Braille (eine Blindenschrift) angesagt. Wir diktierten den Kindern Buchstaben und Zahlen, die die Kinder in ihre Punktschriftmaschinen – optisch den Schreibmaschinen sehr ähnlich – eingeben. Sechs Tasten, mit denen man, sofern richtig kombiniert gedrückt, lesbare Punktmuster schreiben kann, hat so eine Punktschriftmaschine. Während wir mit den niños die verschiedensten Tastenkombinationen auswendig lernen, bereitet die Schulköchin in der Küche das Essen für die Kinder zu. Gegen 13:30 Uhr ist es dann soweit – auf in die wohlverdiente Mittagspause. Zuvor werden noch Hände gewaschen und mit den Kindern die Tische gedeckt. Lucia und ich servieren den Schülerinnen und Schülern die mit mexikanischer Hausmannskost beladenen Teller und helfen, wo es notwendig ist. Sobald alle Kinder ihre Teller geleert und gespült haben, dürfen auch wir uns an den Kochtöpfen bedienen. Bleiben wir nicht zum zweimal wöchentlich stattfindenden nachmittäglichen Englischunterricht, machen wir uns mit vollem Magen auf den Heimweg, der dem Hinweg um nichts nachsteht: gehen, warten, dem Busfahrer winken, laufen, schwitzen, gehen;

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Geschlaucht aber zufrieden erreichen wir das Schwesternheim zumeist gegen 16 Uhr. In den ersten Wochen führte uns der Heimweg direkt ins Bett. Eine Müdigkeit, über deren Ursprung wir uns noch nicht ganz im Klaren sind, hatte uns fest im Griff. Mittlerweile haben wir uns aus diesem gelöst und können die Zeit anders nützen. Meist stehen alltägliche Dinge an der Tagesordnung: Wäsche waschen (fast alle Mädchen hier waschen per Hand!), Spanisch lernen, putzen, Einkaufen, ins Stadtzentrum fahren, mit den Mädels vom Heim Zeit verbringen und manchmal auch Blogeinträge schreiben…

Zwischen 23 und 24 Uhr schlüpfen wir unter unsere Decken, schließen unsere Augen und hoffen auf schöne Träume bis der Wecker einen neuen Tag in Mexiko einläutet.

Blogeintrag 1

Erste Eindrücke…

Unsere erste Woche in Guadalajara liegt hinter uns. Viel Neues prasselt auf uns ein und bringt uns zum Staunen. Andere Häuser, andere Straßen, andere Schilder, andere Sprache, andere Gerüche, anderes Essen, andere Bäume,…; Zeit zum Durchatmen haben wir uns bisher noch kaum genommen, zu groß war bisher die Neugierde auf den neuen Ort, auf die neuen Menschen.

Seit dem Check-in am Münchner Flughafen ist viel passiert. Nach einem langen Flug über Housten und vielen mühsamen Sicherheitschecks an den Flughäfen sind wir letzten Donnerstag, am 18. August, in Guadalajara eingetroffen. Mittlerweile haben wir unsere Zimmer bezogen und unsere ersten Tage in unseren Projekten, in der Helen-Keller Schule und in der Ciudad de los niños, verbracht.

Ich und Lucia wohnen in einem von Ordensschwestern betreuten Studentinnenheim, Justus wohnt gemeinsam mit mexikanischen Freiwilligen in einem Haus auf dem Areal der Ciudad de los niños.

Das erste Wochenende wurde ganz der Erkundung der neuen Umgebung gewidmet. Spaziergänge rund um das Studentinnenheim und erste Fahrten in das Stadtzentrum standen am Programm. Die hohen mit Stacheldrähten versehenen Hausmauern in der Nachbarschaft, die vielen Zitrusbäume entlang der Straßen, der rasante Autoverkehr, die tiefhängenden Stromleitungen und die von riesigen Baumwurzeln gesprengten Gehsteige prägen meine Eindrücke der ersten Tage.

Dass die größten anfänglichen Hürden hier die für mich neue Sprache – Spanisch – und das für mich noch nicht ganz durchschaubare öffentliche Verkehrsnetz werden, wurde mir nach meiner Ankunft schnell klar. Insbesondere in der Schule, bei der Arbeit mit den Kindern der Helen-Keller Schule, werde ich mir meiner sprachlichen Defizite bewusst, wenngleich ich guter Hoffnung bin, dass die Zeit Besserung bringen wird. An der Helen-Keller Schule arbeite ich vormittags in einer Klasse mit etwa 4 bis 6-jährigen Kindern, die zum Teil sehbehindert und zum Teil völlig blind sind. Hinzu kommt, dass viele der Kinder oft noch mit anderen körperlichen und mentalen Einschränkungen den Schulalltag bestreiten. Nachmittags helfen Lucia und ich beim Unterricht der größeren Kinder (etwa 7 bis 10-jährig) und packen beim gemeinsamen Mittagessen mit an.

An der der Helen-Keller Schule wird wortwörtlich einander „an die Hand genommen“, denn vieles lernen die Kinder durch Berührung und Ertasten. Bereits am ersten Tag beeindruckte mich die Art und Weise wie scharf Tast-, Gehör- und Geruchssinn bei vielen der Kinder ausgeprägt ist – noch nie zuvor hatte mich jemand an meinem Geruch erkannt.

Die zweite Woche in Guadalajara, die zweite Woche an der Helen-Keller Schule ist für uns nun angebrochen. Wir sind nun dabei uns einzuleben und wollen noch über vieles staunen.

Advertisements